Kurz vor Beginn des Mannschaftskampfes trudelt die Absage unseres ersten Brettes rein. Ersatz kann in der Kürze der Zeit nicht gefunden werden. Ärgerlicher als der daraus resultierende 0:1 Rückstand ist es, dass der Gegner Ugurkan Misir vor einem leeren Brett sitzt. An den anderen Brettern wird den Figuren Leben eingehaucht.
Unser Omar El Khyari spielt an Brett drei gegen O. Abdeldayem. Bereits nach weniger als einer Stunde guckt El Khyaris König aber nur noch mit leichenblassem Blick. 0:2 gegen uns. El Khyari hat in seiner ersten HMM-Saison 2024 exzellente 4 Punkte aus 5 Partien geholt. In der Folgesaison 2025 konnte er alle drei seiner HMM-Spiele gegen starke Gegnerschaft gewinnen. Momentan ist El Khyari allerdings in einem kleinen Formtief. Beim letzten SoS-Turnier erlitt er mit 0 aus 3 bereits einen ersten Schiffbruch. Die jetzige Niederlage ist turnierübergreifend die fünfte in Folge. Auf dass El Khyari das Tal der Tränen bald durchschritten hat, und auch bald wieder auf der Sonnenseite des Schachbrettes steht.
Bei Harald Meyer kommt die Bird-Eröffnung (1.f4) aufs Brett. Meyer hält mit den schwarzen Steinen und 1…d5 dagegen. Meyer steht erstmal recht solide, gerät dann aber in einen Angriff am Königsflügel. Der Gegner Dainis Schiballo agiert mit einem Turmschwenk nach Tg3. Neben dem Turm werden noch weitere angriffslustige weiße Kreaturen gegen Meyers kurz rochierten König in Stellung gebracht. Meyers Figuren stehen passiv und es fehlt ihnen zusehends an Koordination. Die Stellung wird trostlos, und Meyer legt die Waffen aus der Hand. Es hat noch nicht 20:00 Uhr geschlagen, steht aber bereits 0:3 gegen uns.
Ich (Jörg Spreu) eröffne mit 1.e4. Mein Gegner Till Cordes wählt die Sizilianische Verteidigung (1. … c5). Innerhalb des Sizilianiers kommt es zu einer standardmäßigen Variante. Alles erstmal bekannt und ich blitze die ersten Züge raus. Hier hat mich dann allerdings mein Übermut betrogen. Durch einen üblen Fingerfehler verliere ich bereits im fünften Zug einen Zentrumsbauern. Schwerwiegender als der verbrannte Bauer ist meine dadurch verbrannte Motivation. Ich finde nicht mehr den Spaß am Spiel und folgerichtig dauert das Trauerspiel auch nur 16 Züge. Die Nachwelt wird der Partie keine Kränze flechten. 0:4 gegen uns.
Rolf Lohkamp bleibt mit Weiß seiner Englischen Eröffnung treu. Im 26. Zug will er eine Drohung seines Gegners Aman Kharb mit einer Gegendrohung parieren. Hier wäre allerdings eine einfachere Lösung die angebrachtere. Lohkamps Idee funktioniert taktisch nicht, und seine Stellung steht danach auf Abriss. 0:5 gegen uns. Es sieht übel aus. Der Mannschaftskampf ist verloren, und aus mannschaftlicher Sicht kann es nur noch um Ergebniskosmetik gehen. Aber es geht ja auch immer um den individuellen Erfolg.
Dieter Wichmann spielt mit den weißen Steinen im ihm vertrauten Londoner System. Wichmann steht lange Zeit gut. Aber das Blatt wendet sich. Die Damen werden getauscht, der Gegner Fernando Rodriguez kann mit einem Turm die geöffnete b-Linie besetzen, und dringt kurz später mit dem Turm unangenehm auf Wichmanns zweiter Reihe ein. Es wird schwierig. Aus der heiklen Stellung entspringt eine Taktik, bei der Wichmann entscheidend Material verliert. 0:6 gegen uns.
Horst Feis steht mit Schwarz im Damen- und Doppelturmendspiel. Einen soliden Mehrbauern kann Feis verzeichnen, sodass an sich alles paletti zu sein scheint. Schleichend kommt dann aber das Unheil in Feis‘ Stellung. Sein Gegner Dushan Silva vertrippelt seine Schwerfiguren auf der c-Linie. Feis‘ Königsstellung wird geschwächt. Feis hat zwar weiterhin einen Mehrbauern, aber drei seiner fünf Bauern sind mittlerweile isoliert und lohnende Ziele für Feis‘ Gegner. Zwei dieser isolierten Bauern fallen dann auch den gegnerischen Schwerfiguren zum Opfer. Der Gegner hat somit Freibauern am Damenflügel. Durch Feis‘ zwischenzeitlich noch schwächer gewordene Königsstellung resultiert dann eine Taktik, die entscheidenes Material kosten würde. Vor Ausführung der Drohung gibt Feis auf. 0:7 gegen uns.
Volker Krause steht zu später Stunde mit Weiß im Turm- und Leichtfigurenendspiel mit wechselnden Chancen. Eine zeitlang sieht es recht schwierig aus. Der Gegner Prajwal Ravi mit Freibauern im Zentrum und Bauernmehrheit am Königsflügel. Krause kann dann aber seinerseits gefährliche Freibauern am Damenflügel kreieren und diese bedrohlich bis auf die 6. Reihe schieben. Sieht sehr vielversprechend aus. Vermutlich lässt Krause dann aber etwas überhastet seinen b-Bauern auf die 7. Reihe vorpreschen, wodurch Krauses Bauern am Damenflügel letztlich abgepflückt werden können. Auch hier zeigt sich am Ende die Fratze der Niederlage. Endstand 0:8 gegen uns.
Ein historisches Debakel für unsere Mannschaft. Seit meinem Einstieg in die Mannschaft in der Saison 2023 konnten wir in den vergangenen drei Saisons in jedem Mannschaftskampf immer mindestens 2.5 Brettpunkte holen. Jetzt dann eine Niederlage an allen acht Brettern. Abergläubige munkeln, dass es daran lag, dass erstmals seit der Saison 2023 Jonny Skibb nicht bei einem Mannschaftskampf mit dabei war. Nächste Runde ist er wieder mit an Bord, sodass wir aus Orakel-Sicht vor einem erneuten 0:8 gefeit sind.
Sieht man vom bitteren Ergebnis ab, war es ein gelungener Schachabend, zu dem auch die freundlich auftretenden Gegner beigetragen haben.
Hamburger Schachverband, Link zur Kreisliga D.