Hamburger Schachklub von 1830 e.V.

Königlich in Fantasie und Logik

DVM U20 Braunschweig 2019

Foto: Lyubka Genova
Foto: Lyubka Genova


Der SK Lehrte feierte 2019 sein 100-jähriges Bestehen. Im Rahmen dessen richtete der Verein einige Turniere aus, darunter auch als krönenden Jahresabschluss die DVM der Altersklassen U20 und U20w, die vom 27.12. bis zum 30.12. in Braunschweig ausgespielt wurden.

Untergebracht waren alle Teams in der relativ modernen Jugendherberge Braunschweig. Gespielt wurde allerdings in einer Schule, direkt neben der Herberge. Unter den 16 Teilnehmern der U20 waren wir für den HSK, anders als in den Jahren zuvor, nicht ganz vorne gesetzt, sondern befanden uns mit Rang vier der Setzliste im erweiterten Favoritenkreis. Topfavorit war mit einigem Abstand die SG Aufbau Elbe Magdeburg, ein starkes Team, mit dem wir uns auch in den jüngeren Altersklassen schon erbitterte Kämpfe um den Titel liefern mussten. Durch die Umstellung von Vierer- auf nunmehr Sechserteams (die U20 ist die einzige Altersklasse, bei der in Sechserteams gespielt wird) waren sie mit einem konstant starken und extrem ausgeglichenen Team im Schnitt etwa 100 ELO-Punkte pro Brett stärker als wir.

Dazu kamen noch die ebenfalls starken Teams aus Regensburg und Brackel, die nach der ELO-Zahl ungefähr auf unserem Level agierten. Unser Team, das bedeutet: Luis Engel, Henning Holinka, Robert Engel, Lennart Meyling, Åke Fuhrmann, Tzun Hong Foo alias Johnson und Valentin Genov, sowie Erfolgscoach und Großmeister Petar Genov, traf sich im Vorfeld der deutschen Meisterschaft zu einem Vorbereitungstreffen, um als gut eingestelltes und perfekt harmonierendes Team in den Wettkampf zu gehen. Dazu muss man sagen, dass wir schon seit der U10 in nahezu gleicher Besetzung bei der DVM zusammenspielen und als Team sehr gut funktionieren.

Foto: Lyubka Genova

 

Nach einer unproblematischen Anreise per Bahn ging es dann am 27. Dezember um 8:30 Uhr etwas verschlafen zur ersten Runde, unser Gegner, der SK Turm Kleve, war als schlagbar einzuschätzen. Doch wir taten uns deutlich schwerer als erwartet, und so reichte es zu einem glanzlosen 4-2 Sieg. Die entscheidenden Punkte steuerten Luis, Lennart und Johnson bei, der seinen Gegner mit Schwarz in einer symmetrischen Struktur überspielte und den wichtigen Punkt sicher nach Hause brachte.

Tzun Hong Foo. Foto: Petar Genov
Foto: Petar Genov

 

Lennart läutete unseren ersten Sieg im Turnier mit einem spektakulären Läuferopfer auf h3 ein – auf das Motiv werden wir auch später noch zu sprechen kommen 😉

Lennart Meyling. Foto: Petar Genov

Viel Zeit zur Erholung blieb allerdings nicht, da in der Nachmittagsrunde schon ein Hammerlos auf uns wartete: Es ging gegen den Topfavoriten aus Magdeburg, eine Spitzenpaarung, die bereits richtungweisend sein sollte. Es entwickelte sich ein spannender Kampf auf Messers Schneide. Anfangs lief alles nach Plan für die Magdeburger. Durch Siege an Brett 3 und 6 liefen wir bereits einem 0,5-2,5 – Rückstand hinterher, als sich das Blatt zu unseren Gunsten wendete. Zuerst stellte Luis mit einem Schwarzsieg gegen Jonas Roseneck den Anschluss her. Henning profitierte in unklarer Stellung von einem groben, der Zeitnot geschuldeten Fehler seiner Gegnerin und schoss den Ausgleich.

Henning Holinka. Foto: Petar Genov

Nun hing alles von Lennarts Partie ab. Lennart vollbrachte eine große kämpferische Leistung und schaffte es schlussendlich, seinen Gegner in einem schwierigen Endspiel nach 87 Zügen niederzuringen. So stand für uns am Ende ein hart erkämpfter 3,5-2,5 – Überraschungssieg zu Buche.

Ein wichtiger Sieg, doch noch gab es keinen Grund zur Entspannung, da bereits in der nächsten Runde mit den SF Brackel ein weiteres Schwergewicht auf uns wartete. Auch diesmal sollte es ähnlich knapp werden. Lennart sorgte schnell mit einem souveränen Sieg in seiner geliebten Karlsbader Struktur für das 1-0. Anschließend verlor Åke nach wechselhaften Partieverlauf im Endspiel auf unglückliche Weise. Es folge ein schöner Weißsieg Hennings, allerdings zeichnete sich bereits die Niederlage an Brett 6 ab. Nach einem Schwarzremis Roberts hing wieder alles von einem Brett ab.

Robert Engel. Foto: Petar Genov

Der Fokus richtete sich jetzt auf Brett 1, wo sich die Stellung lange im ausgeglichenen Bereich befand. Begünstigt durch ungenaues Spiel des Gegners in einem Turmendspiel, konnte Luis die Zeichen auf Sieg stellen und den entscheidenden Zähler einfahren. Spätestens jetzt war sich jeder im Team sicher, dass der deutsche Meistertitel möglich ist.

Neben uns gab es nur noch ein Team mit weißer Weste (6-0 Mannschaftspunkte), den Drittgesetzten Bavaria Regensburg, unseren nächsten Gegner. Der Mannschaftskampf war geprägt von vergebenen Siegchancen auf beiden Seiten. Lennart drehte seine Verluststellung (3 Minusbauern!) noch irgendwie zum Sieg, im Gegenzug vergurkten Åke, mit einem Remisangebot in besserer Stellung, und Robert gegen ihre nominell stärkeren Gegner mögliche Siege. Regensburg revanchierte sich freundlicherweise an Brett 1, als Luis in schlechter, aber komplizierter Stellung von einem Fehler des Gegners profitierte und letztendlich gewann. Durch zwei Regensburger Weißsiege an den Brettern 2 und 6 stand am Ende ein wildes, aber in der Summe gerechtes 3-3 fest. Das bedeutete erstmal den ersten Platz für Regensburg, aufgrund der besseren Feinwertung. Unser Vorteil war allerdings, dass Regensburg noch gegen die Magdeburger Truppe ranmusste und wir somit noch auf Schützenhilfe hoffen konnten.

In der 5. Runde kam dann auch alles so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Magdeburg schlug Regensburg mit 3,5-2,5, während wir uns durch ein unverschämt hohes 5-1 gegen Lübeck erstmals an die Spitze der Tabelle wuchteten. Lange Zeit standen wir an den Brettern 2 bis 5 schlechter – teilweise sogar schon auf Verlust. Irgendwie gelang es uns, in der Zeitnotphase das Blatt komplett zu wenden. Lennart gewann auf Zeit, Henning nach wildem Kampf, Robert und Åke recycelten ihre Müllkippen zum Remis. Dazu kamen glatte Siege an den Brettern 1 und 6.

Valentin Genov. Foto: Petar Genov

Durch diesen Sieg ergab sich folgende Ausgangssituation:

Wir hatten also alles in der eigenen Hand und in den Runden 2-4 bereits gegen die ärgsten Konkurrenten gespielt. Es bedurfte also „nur“ noch zweier Siege, da auf unsere katastrophale Zweitwertung kein Verlass war. Doch auch die vermeintlich schwächeren Teams müssen erstmal geschlagen werden.

Runde 6 wurde ebenfalls kein Selbstläufer. Die Paarung bescherte uns die SF Essen-Katernberg. Åke überlistete seine Gegnerin im Turmendspiel und fuhr einen ganz, ganz wichtigen Sieg für das Team ein.

Åke Fuhrmann. Foto: Petar Genov

Auf die Führung folgten drei Remisen von Henning, Robert und Valentin. Lennart sah sich derweil jedoch mit einem verlorenen Endspiel konfrontiert. Seine furiose Siegesserie von fünf Siegen sollte damit reißen. An Brett 1 hatte Luis in der Eröffnung einen Bauern gewonnen und stand dementsprechend klar besser. Sein Gegner erleichterte ihm den technischen Part durch ein falsches Schachgebot.

Luis Engel. Foto: Petar Genov

Erneut hatten wir uns denkbar knapp zum Sieg gewurschtelt. Auch unsere Verfolger Magdeburg und Regensburg machten ihre Hausaufgaben und fuhren deutliche Siege ein.

Ein Sieg in der letzten Runde bedeutete für uns folglich den sicheren Titel. Der Gegner war der Ausrichter, der SK Lehrte. Zum wiederholten Mal zitterten wir uns durch den Mannschaftskampf. Anfangs zeigten wir uns durchaus gastfreundlich: An den Brettern 3 und 4 sah es so aus, als ob wir Geschenke verteilen würden. Robert hatte einen Bauern weniger und Lennart verwechselte in der Eröffnung die Zugreihenfolge und wurde in die Defensive gedrängt. Immerhin gelang Luis an Brett die schnelle Führung. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Henning bekam in komplexer Stellung ein Remisangebot, welches er auf Befehl von Luis ablehnte, um mit 150 Sekunden auf der Uhr für knapp 20 Züge, einen herrlichen Mattangriff zu starten. Dieser wurde, wie bei Lennart in der ersten Runde, mit unserem neuen Lieblingszug Lxh3!! eingeleitet.

Zeitgleich wendete sich auch das Blatt an Brett 3. Robert profitierte von einen kapitalen Schnitzer seines Gegners, der diesen eine Figur kostete.

Mit dem 3-0 war die Vorentscheidung bereits gefallen, da Valentin einen Bauern gewinnen konnte und ein Verlust ausgeschlossen schien. Perfekt wurde der Mannschaftssieg durch ein Remis von Johnson an Brett 5 sowie Valentin an Brett 6 gemacht. Nun war uns der Titel sicher!

Dadurch, dass jede Runde extrem spannend und knapp verlief, waren die Freude und die Erleichterung nach der letzten Runde umso größer. Es war über das gesamte Turnier eine tolle Teamleistung auf und neben dem Brett. Sicherlich sind die Leistungen von Luis (7/7 an Brett 1), Henning und Lennart (jeweils 5/7 an den Brettern 2 und 4) noch einmal hervorzuheben. Man kann aber nur als Team Deutscher Meister werden, und so war, abschließend betrachtet, jeder halbe Punkt wichtig. Insbesondere von unserem Remiskönig Robert (5 Remisen aus 7 Partien) 🙂

Außerdem wollen wir uns noch bei unserem Trainer Petar Genov bedanken, der das Team super zum Titel geleitet hat und einen großen Anteil am Erfolg trägt. Nebenbei ist er auch noch für die schönen Fotos verantwortlich 🙂

Foto: Petar Genov

Für die Statistiker unter uns: Gesine hat eine Übersicht erstellt, die die Ergebnisse aller bisherigen von uns gespielten DVMs anzeigt:

Hoffentlich sehen wir uns im nächsten Jahr wieder, wenn es wieder heißt:
Deutscher Meister wird NUR DER HSK 😉

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