Am 8. Mai stand das vorgezogene Saisonfinale an. Auswärts bei den Schachelschweinen ging es um die Behauptung der Tabellenspitze. Wir hatten 10 Mannschaftspunkte und die Gewissheit, dass dieses Spiel eine Vorentscheidung der Saison werden würde. Ein Sieg, und der Abstand wäre kaum noch einzuholen. Eine Niederlage hätte das Rennen wieder weit aufgerissen.
Hat dann sehr deutlich geklappt. Aber der Reihe nach.
Anreise wie üblich gemischt: Alexander und seine Mutter Angelica fuhren bei Eva mit, Dominik kam mit dem Rad, der Rest auf eigene Faust. Tobias trudelte obligatorisch ein paar Minuten zu spät ein und wir hätten uns Sorgen gemacht, wenn er pünktlich gewesen wäre. Eine kleine Heiterkeit gab es vor dem ersten Zug: Die Schachelschweine taten sich schwer, ihre Uhren auf den Modus einzustellen. Später musste an mehreren Brettern der Bonus von 15 Minuten nach 40 Zügen manuell nach Ablauf der regulären 90 Minuten nachgereicht werden. Wir nahmen es gelassen.
Unsere Aufstellung war ungewohnt lückenhaft. Jonathan und Leopold fehlten beide, sie spielten für das Margaretha-Rothe-Gymnasium bei der Deutschen Schulschachmeisterschaft in Bad Homburg in der WK 4. Spontan kam Timofej Henzler als Ergänzung dazu und übernahm Brett 8. Ein Einsatz, der sich auszahlen sollte.
Der Mannschaftskampf
Brett 8: Timofej – 1 : 0
Den Auftakt machte Timofej. Eingesprungen, aber geliefert wie ein Stammspieler. Timofej bekam mit Schwarz ein abgelehntes Damengambit, die Eröffnung lief noch ausgeglichen, doch sein Gegner, welcher seine erste Langzeitpartie spielte (aber Online-Elo von 1700!), wagte sich offensiv vor und holte sich tatsächlich zwei Mehrbauern. Furchtlos rückte sein Gegner mit fast allem was er zu bieten hatte vor. Es sah brenzliger aus als es dann war (Engine sagte +1,7 obwohl Zuschauer bereits einen deutlicheren Verlust sahen). Doch Timofej blieb ruhig, ließ sich von der ungewohnten Stellung nicht beirren und nutzte die fehlende Erfahrung seines Gegners konsequent aus: erst Springergewinn, dann zusätzlich die Qualität, dann Punkt. Eine Vertretung, die sich gewaschen hat. 1:0 für uns.
Brett 4: Alexander – 1 : 0
Kurz darauf zog Alexander nach. Er griff mit Schwarz zur Französischen Eröffnung, sein Gegner antwortete mit der Abtauschvariante (3. exd5), die gemütlichen Remis-Zwilling der Französischen. So wurde es nicht. Der Gegner verbrauchte mit 8. Lf4? schon den ersten Tempovorteil und bot mit 17. h4?! noch zusätzliche Angriffsfläche. Alexander kontrollierte das Geschehen souverän, und im 19. Zug warf der Gegner in einer schon schwierigen Stellung mit Txe6 noch eine Qualität ins Feuer, was die Lage nicht besser machte. Mit 21…Lxh4 leitete Alexander den finalen Angriff ein, 22…Lxf2+ und 23…Dh4# setzten das letzte Wort. Matt im 23. Zug. 2:0.

Brett 6: Tobias – 1 : 0
Nach der bitteren Niederlage gegen den 1979er Marmstorfer in der Vorrunde kam Tobias diesmal in der Außenseiter-Rolle nicht vor. Er wählte mit Schwarz nach 1. e4 e5 2. Lc4 den Philidor-Konterangriff (2…c6). Sein Gegner verbrauchte einige Tempi mit ungenauen Zügen, im 10. Zug schwächte sein Gegner mit f3?! die eigene Stellung deutlich. Den entscheidenden Schlag landete Tobias im 14. Zug: Nach 14. Sxd5 schlug er mit 14…Dxd4! eine ganze Figur. Der Gegner holte sich mit Sc7 und Sxa8 noch einen Turm zurück, doch Tobias hatte einen schwarzen Freibauern auf d3, der zielstrebig Richtung Umwandlung marschierte. Mit präzisem Endspielspiel führte Tobias den Punkt nach Hause. Wiedergutmachung gelungen. 3:0.
Brett 7: Nils – ½ : ½
Nils selbst zur Partie: „Meine Gegnerin hatte Schwarz und setzte im Damengambit auf Cambridge Springs. Nach einer ganzen Reihe von Theoriezügen setzte Schwarz auf das etwas ungewöhnliche, aber spielbare Dg5, um Angriff auf den Königsflügel zu starten. Schlussendlich vermied meine Gegnerin die kleinen Fallen, die ich stellte, und fand mit Lf5 den Zug, der in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern abtauscht. In der Folge stand dann das verdiente Remis.“
Eine kleine Pointe ließ Nils unerwähnt: Im 16. Zug hätte er mit Lxc6 anstelle von g3 einen spürbaren Vorteil halten können. Mit dem ruhigen Königszug ließ er die Stellung aber wieder ins Gleichgewicht zurückgleiten.
Brett 2: Aras – 1 : 0
Aras traf an Brett 2 auf den Mannschaftsführer der Schachelschweine mit 1820 DWZ. Auf dem Papier ein Brettvorteil für uns, am Brett wurde es das auch. Aras spielte Sizilianisch, sein Gegner antwortete mit dem Grand-Prix-Aufbau (3. f4). Das war kein wildes Geschehen mit klarer Pointe, sondern ein ruhiges, strategisches Drücken: Aras nutzte konsequent die kleinen Ungenauigkeiten seines Gegners. Der wichtigste Punkt kam im 23. Zug, als sein Gegner mit c4 die Stellung in Aras‘ Richtung öffnete. Ab da war der Weg klar: Damentausch nach 33…Dc1+, und im Endspiel marschierte der schwarze b-Bauer Richtung Umwandlung. Im 38. Zug gab sein Gegner auf. Wenn der derzeit beste 2015er Deutschlands an deinem Brett sitzt, gibt es selten Geschenke.
Mit dem Punkt war der Mannschaftskampf damit schon entschieden. Bei 4,5:0,5 stand das Ergebnis fest, der Rest war Brettpunktarithmetik. Aber wer hört da schon auf?
Brett 1: Dominik – 1 : 0
Dominik dann mit eigenen Worten: „Im Mittelspiel hatte ich nach einem gut aussehenden, aber sinnlosen Manöver die Wahl, ob ich ganz schlecht stehen oder einen Bauern ohne Kompensation geben will. Also Bauer weg, Stellung mau. Just als ich aus Verzweiflung Remis anbiete (ausnahmsweise), übersieht mein Gegner bei knapper werdender Zeit eine Taktik und konnte die Stellung danach nicht mehr halten. Mit dieser Partie ist mein Glück für diese Saison endgültig aufgebraucht!“
Was Dominik bescheiden überspringt: Die Taktik, die sein Gegner übersah, war eine schöne. Nach 22…g6?? schlug Dominik mit 23. Sxf7! ein, der nicht zu schlagen war. Aus dem Bauernopfer wurde im Handumdrehen ein Mattangriff, und am Ende stand das verdiente Resultat. Wir nehmen den Punkt, lieber Dominik. Das Glück für die nächste Saison kommt schon. 5,5:0,5.

Brett 5: Martin – 1 : 0
Martin spielte mit Weiß die Katalanische Eröffnung, klassisch mit g3. Aus solider Eröffnungsbehandlung baute er Druck am Damenflügel auf, und im 19. Zug griff sein Gegner mit 19…Tb6?? in die Falle: 20. Sc6! gewann die Qualität. Damit hätte die Sache erledigt sein können. War sie aber nicht.
Im 24. Zug stellte sein Gegner seine Dame so, dass Martins Läufer auf c6 angegriffen wurde. Der Läufer musste weichen, und Martin entschied sich für 25. Lg2?? (statt des präzisen 25. Dd1). Damit verschwand der Vorteil komplett. Statt einem Plus von rund drei Bauern stand es plötzlich ausgeglichen.
Im weiteren Verlauf wurde es eine echte Achterbahnpartie mit beidseitigen Patzern in Zeitnot. Im 48. Zug stellte Martin mit Dc3?? sogar fast die Partie ein, doch sein Gegner griff im 49. Zug mit f4?? statt des entscheidenden Td3 daneben. Glücklicherweise leistete sich sein Gegner am Ende den entscheidenderen Fehler: Im 53. Zug stellte er mit 53…De6?? den Turm ein. Martin selbst kommentierte ehrlich: „Hier hatte ich eine riesige Portion Glück.“ Aber wie heißt es so schön, das Glück ist mit den Tüchtigen. 6,5:0,5.

Brett 3: Eva – 0 : 1
Den Schlussakkord setzte ausgerechnet die Partie, in der wir am längsten gehofft hatten. Eva spielte mit Weiß ein geschlossenes Sizilianisch, kam gut aus der Eröffnung und nutzte einen Patzer ihres Gegners (24…Lc8??) im 25. Zug mit einer schönen taktischen Sequenz: 25. Ld5, 26. Sf7! und 27. Txc5! Damentausch und Bauerngewinn folgten, Eva stand klar auf Gewinn.
Den eigentlichen Vorteil gab Eva aber Stück für Stück zurück. Im 42. und 43. Zug ließ sie das Damenendspiel ungenau führen, und ihr Gegner nutzte das mit einem Schachgeflecht, das laut Engine schon Dauerschach war. Eine weitere Chance bot sich nach dem 54. Zug: 55. Dxb2+! hätte sofort gewonnen. Stattdessen wählte sie 55. e6, und ihr Gegner kämpfte sich zurück. Den entscheidenden Schlag setzte er dann nach 57. Kd1??, wo Eva ihren König auf das falsche Feld zog. Es folgte 57…Df1#. Mit 57. Kf2 wäre sie davongekommen.

Endstand: 6,5 : 1,5
Mit nun 12 Mannschaftspunkten aus 7 Runden bauen wir die Tabellenspitze aus. Diogenes hat parallel gegen Marmstorf verloren und steht bei 8 Punkten. Neuer Verfolger ist Fischbek, das parallel gewann und auf 9 Punkten steht. Damit haben wir drei Mannschaftspunkte Vorsprung bei zwei verbleibenden Runden.
Stimmung in der Mannschaft entsprechend gelöst. Nur Eva grämte sich, verständlich nach so einem Partieende. Als Nächstes geht es zuhause gegen Altona. Wir freuen uns drauf.
Den Bericht aus Sicht der Schachelschweine kann man hier nachlesen.

