Hamburger Schachklub von 1830 e.V.

Königlich in Fantasie und Logik

Bergedorfer SV gegen HSK 29

Wie schon zu Beginn des Jahres 2019 erwartete uns in Runde 1 Bergedorf. Damals verloren wir knapp, diesmal schnitten wir etwas besser ab. Wie es ausgegangen wäre, wenn wir nicht überraschenderweise an zwei Brettern kampflos verloren hätten, weiß niemand. Doch von Anfang an:

Einen erfreulichen Start bescherte uns Liliana. In folgender Stellung wollte Weiß nach 50 Minuten und von beiden gemachten je 12 Zügen seinen Turm vor Lilianas Damenangriff mit der langen Rochade schützen. Warum verliert Weiß damit sofort die Dame oder wird – wie in der Partie – einzügig mattgesetzt?

10 Minuten später war es 20.00 Uhr. Das hieß, dass an immerhin drei Brettern Partien kampflos zuende gingen. Mein Gegner war bereits vor einem Jahr im gleichen Mannschaftskampf nicht gekommen, und auch damals erfuhr ich das erst nach 45 Minuten. Mich hat das diesmal dazu veranlasst, in der Ergebnismeldung an den Hamburger Schachverband eine Beschwerde loszuwerden und anzuregen, bei Mannschaften mit solch notorischen Nichtantritts­kandidaten einmal über Sperrmaßnahmen, gegen wen auch immer, nachzudenken. Dabei war natürlich nicht gerade hilfreich, dass Marianne und Wilhelm auf unserer Seite ebenfalls fehlten (weil sie sich den falschen Tag eingetragen hatten, wie ich beim Verfassen dieses Berichts erfuhr). Nun stand es nach gerade mal einer Stunde 2 : 2, und ich freute mich schon auf eine baldige Heimfahrt.

Mir diesen Gefallen zu tun, daran arbeitete Georg eine halbe Stunde später, indem er sich mit dem Gegner in einer Stellung auf Remis einigte, in der nach in einem abgelehnten Damengambit und den Abtäuschen des Bauernpaars auf c5/d4 sowie Leichtfiguren auf e4 Schwarz völlig ausgeglichen hatte aber auch nichts mehr erreichen konnte. Nach weiteren ca. 30 Minuten nahm Peter eine Gelegenheit, mit der Dame auf d5 mit Schach zu schlagen, nicht wahr, sondern wich mit seiner Dame nach f4 aus. Nachdem er seinen Springer durch Ziehen nach d4 besser stellte und Schwarz zu Ld7 zwang, stellte er seine Dame nach e5, wo sie wieder von einem auf e8 erscheinenden Turm bedroht wurde. Also wieder zurück nach f4. Schwarz zog seine Dame nach a6, wo sie von Peters Läufer auf e2 vertrieben wurde. Sie gesellte sich zurück nach g3 und bedrohte den weißen Bauern auf g2 (Folgediagramm).

Peter ahnte den Zugwiederholungswunsch des Gegners, wollte auf sein darin liegendes stillschweigendes Remisangebot eingehen und fragte mich, ob das oppurtun sei. Mir schwante, dass Ole verlieren würde, dafür aber Helmut sehr gut stand. Also stellte ich es bei geschätztem Gleichstand Peter frei. Hätte ich allerdings richtig hingesehen, hätte ich bemerkt, dass Peter mit einer gesunden Mehrfigur auf Gewinn stand und auch keineswegs in Zugzwang war. Er hätte z. B. g3 oder Tc7 ziehen oder selbst Abwartezüge machen können. Nach einem Nachzählen des Materials hätte ich also nie „ja“ gesagt. Denn mit einer Figur mehr und ohne jeden Druck wäre ja das Weiterspielen problemlos möglich gewesen. Peter erklärte es hinterher damit, dass ihn die stetigen Geräuschquellen und sonstigen Ablenkungen im Spielsaal zunehmend irritierten und er auf Nummer Sicher gehen wollte, was ich verstehen kann. Inzwischen hatte Helmut gewonnen. Peter zog wieder mit dem Läufer nach e2 und sein Gegner wieder nach g3, und das Remis war perfekt.

Was war nun an Brett 7 Gutes passiert? Helmut hatte mit Weiß in einem geschlossenen, vom Gegner nach Art der Steinitz-Variante mit frühem d6 gespielten Spanier alles richtig gemacht und hatte d4 durchgesetzt. Im 10. Zug zog der Gegner seinen Springer nach h7 zurück, um g5 zweimal zu überdecken (Diagramm).

Helmut tat genau das Richtige. Er widerstand der Verlockung, auf g5 zu nehmen und damit das Läuferpaar zu haben (was objektiv in etwa gleichwertig war), sondern entschied sich für den Raumgewinn d4-d5, der dem Gegner außerdem noch mehr Möglichkeiten gab, Fehler zu machen. Prompt nahm dieser mit seinem Läufer auf e3, statt Se7 zu ziehen, und übersah, dass Helmut ja nach dxc6 weiterschlagen konnte. Wohl oder übel schlug er mit seinem Läufer auf c6, Helmut nahm richtigerweise mit seinem Läufer auf c6 mit Schachgebot wieder und holte sich – dann erst – den schwarzen Läufer auf e3 ab. Helmut verblieb somit mit einer Mehrfigur für einen Bauern, der dem Gegner aber im 14. Zug abhanden kam, nämlich wegen Übersehen einer Damenfesselung des Bauern d6 auf e5. Technisch war es jedoch gar nicht so einfach, den großen Vorteil zu verwerten. Denn Helmuts Springerpaar auf a5 und c6 band sich gegenseitig und konnte nicht recht vom Fleck. An einer Stelle verpasste Helmut einen vernichtenden Turmzug nach g3, wo er durch die schwarze Dame auf g6 den schon vom weißen Läufer durch den f6-Springer hindurch anvisierten Bauern g7 im Röntgenblick gehabt hätte, aber es ging auch so. Im 34. Zug standen Turm und Läufer des Gegners ungedeckt, und einer von Helmuts siamesischen Springern befreite sich mit einem effektvollen Gabel-Auftritt gegen Dame und Turm. Der Gegner gab wegen des Qualitätsverlustes, der Helmut Vorteil zu einem ganzen Mehrturm anwachsen ließ, sofort auf.

Es ist rein mathematisch-technisch (Punkt ist Punkt, und Liliana ist so gesehen natürlich auch eine Matchwinnerin zum 4:4, Glückwunsch nochmal!) immer fragwürdig, jemanden zum Match-Winner hochzuloben. Aber gefühlt war Helmut, weil er als Vorletzter spielte und auch mehr zeigen konnte, für mich unser Gewinner des Tages, der das Mannschaftsremis sicherte.

Nun spielte nur noch Ole mit gewohntem Ehrgeiz. In seiner Partie war allerdings nichts mehr zu erwarten. Aus dem Gedächtnis habe ich folgende Stellung, die im Hinblick auf den Damenflügel allerdings falsch sein dürfte, in Erinnerung:

Ole (Weiß) steht angesichts der beiden vorgerückten gegnerischen Freibauern klar auf Verlust. Doch der Königsflügel blieb schon seit einigen Zügen unverändert. Ein Zeichen dafür, dass Ole mit einer Art (realen oder jedenfalls aus Gegnersicht bestehenden) Auffangstellung seinen Gegner hindern konnte, schnell Fortschritte zu erzielen, was diesen sichtlich nervös machte. Nach schwarzem Sb6 musste Oles Blockadeläufer nach b3 weichen. Ole hätte, um die Verlegenheit seines Gegners aufrechterhalten zu können, nach folgendem a4 seinen Läufer unbedingt behalten und nach a2 stellen müssen. Stattdessen tauschte er ihn gegen den schwarzen Springer ab und stellte später einen weißen Turm nach a1. Schwarz hätte nun seine Bauern bis a2 und c2 vorrücken und entweder den Läufer nach c3 und b2 überführen, oder aber durch c2-c1 den weißen Turm von a1 weglocken können. Oder er hätte mit seinem König eindringen können. Er rückte zwar die Bauern tatsächlich nach a2 und c2 vor, doch im Übrigen war sein Plan war etwas langsamer: Er brachte den zweiten Turm auf die d-Linie. 1,5 Stunden nach Peters Unentschieden war folgende Stellung entstanden (der schwarze König kann auch auf c4 gestanden haben):

 

Es folgte seitens Oles Gegner das absehbare Td1. Ich unterschrieb schon einmal meine Berichtskarte und zog meine Jacke an. Helmut hatte mit mir zusammen die ganze Zeit noch ausgeharrt, jetzt aber auch genug gesehen und fuhr nach Hause. Nach dem erwarteten kompensationslosen Turmverlust im nächsten Zug rechnete ich mit Oles Aufgabe und wollte meine Verkehrsmittel erwischen. Der Turmverlust kam tatsächlich, nicht aber die Aufgabe. Ich wusste mir nicht anders zu helfen und machte um 22.45 Uhr Ole, ohne mich vorher mit ihm abzustimmen, kurzerhand zum Mannschaftsführer, bevor ich das Weite suchte. Ole nahm es mit Humor. Wann sein Gegner nun den Mehrturm verwertete, ob vor oder nach 23.00 Uhr, und Ole zu Schlaf kam, weiß ich nicht.

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