Am 17. April stand der nächste Prüfstein an, diesmal bei uns zu Hause. Marmstorf 2 zu Gast. Martin war wie so oft als Erster vor Ort, hatte die Uhren schon eingestellt und unsere Stammecke reserviert. Angelica begleitete den Abend als Reporterin und versorgte die Mannschaftsgruppe mit Fotos. Um Tobias machten wir uns kurz Sorgen, aber der trudelte dann gerade noch rechtzeitig ein.
Die Ausgangslage: In der Tabelle standen wir punktgleich mit Tabellenführer Diogenes 3 auf Platz 2, nur ein paar Brettpunkte dahinter. Marmstorf reiste allerdings ohne ihre vier stärksten gemeldeten Spieler an, die sich bereits in der Oberliga festgespielt hatten. Auf dem Papier waren wir damit nicht mehr unterlegen. Trotzdem: Geschenke gibt es in der Bezirksliga nicht.
Der Mannschaftskampf
Brett 1: Dominik – 1 : 0
Dominiks Partie begann holprig. Aus der Eröffnung kam er mit leicht schlechterer Stellung, das Gefühl, die Zügel nicht ganz in der Hand zu haben. Dann der Moment, in dem die Partie fast ganz gekippt wäre: Dominik wollte Sh5 spielen, um den unangenehmen weißen Läufer auf g3 abzutauschen. Ein vernünftiger Plan. Nur leider hätte Weiß mit Sxd5! gekontert, cxd5 und dann Lc7, die Dame gefangen, die Partie futsch. Im letzten Moment hat er die Pointe gesehen und stattdessen Lf8 gezogen.
Ausatmen. Ab dann lief es rund: Dominik baute sich zwei verbundene Freibauern am Damenflügel auf, und gegen das Duo gab es irgendwann kein Gegenmittel mehr. Die Bauern spazierten Richtung Umwandlung, und Dominik holte souverän den Punkt.

Brett 2: Aras – 1 : 0
Eine konzentrierte Vorstellung von Aras, aber auch von seinem Gegner Björn Undritz. Aras hatte Entwicklungsvorsprung und mehr Raum, musste aber auch viel Martial abtauschen und immer auf seinen Bauern auf e5 aufpassen. Schwarz nahm schließlich einen Bauern auf c2, der aber die c-Linie öffnete, was Aras langfristig ordentlich Spiel ermöglichte. Sehr geduldig und immer darauf bedacht, nichts zuzulassen, stellte Aras seinen Gegner immer wieder vor kleine Probleme, die dann immer größer wurden. Der Weiß-Sieg am Ende verdient!
Brett 3: Eva – ½ : ½
Besser ist es, nach einer harten Arbeitswoche das zweite Remisangebot anzunehmen, wenn die Saison bescheiden läuft und der Mannschaftskampf schon gut aussieht!
Wichtiger als die Partie von Eva die Aussage des Gegners beim Blick auf unser gemischtes Team: „das sieht aber toll aus mit den Kids!“ Und das ist es auch, es bringt unheimlich Spaß, mit diesem motivierten Team und mit dem Fortschritt, den man innerhalb eines Jahres sehen kann: im letzten Jahr haben die Kids noch alle Wettkämpfe knapp verloren, jetzt sind wir vorne mit bei und haben noch keinen Wettkampf verloren!
Brett 4: Jonathan – 1 : 0
Jonathan bekam mit Weiß einen Königsinder aufs Brett und wählte gegen die etwas ungewöhnliche Aufstellung seines Gegners (mit b6 statt des üblichen c5 oder e5) die ruhige Makogonov-Variante mit h3. Die Eröffnung lief nach Plan, Jonathan baute sich einen angenehmen Raumvorteil auf und spielte klar strukturiert.
Auf dem Uhrenvergleich zeichnete sich früh ein Muster ab: Nach 20 Zügen hatte Jonathan noch 62 Minuten, sein Gegner nur 21. Nach 30 Zügen waren es 38 gegen 8.
Schwarz versuchte im 20. Zug mit c5 Gegenspiel zu bekommen, aber nach dxc6 und Damentausch steuerte Jonathan in ein Endspiel mit Vorteil. Dort drängte er dann den schwarzen Turm auf e4 so ein, dass Rxe3+ die einzige aktive Option war, um überhaupt noch Gegenspiel zu finden. Schwarz bekam dafür einen Freibauern auf g3, der zwar den Rest der Partie überstand, aber eben auch nie so richtig gefährlich wurde.
Im Endspiel griff sich Jonathan zuerst den a-Bauern und steuerte dann die entscheidende Pointe an: Nach 44…Lc5 opferte er mit 45. Txc5! die Qualität. Nach dxc5 wären seine Freibauern auf a2 und e4 nicht mehr zu bremsen gewesen. Sein Gegner gab auf.
Eine reife Vorstellung: strategischer Aufbau in der Eröffnung, souveränes Zeitmanagement und im entscheidenden Moment hellwach.

Brett 5: Alexander – 1 : 0
Alexander bekam mit Schwarz ein Londoner System vorgesetzt. Nach frühem Läufertausch und den Abtauschen am Königsflügel (10…Lg6 11. Sxg6 hxg6) öffnete sich die h-Linie. Ein Detail, das später wichtig wurde.
Sein Gegner versuchte es am Damenflügel, überdehnte aber mit 16. b5 und 17. b6 seine Stellung. Parallel dirigierte Alexander seine Springer in aktive Positionen: der eine von d7 über e5 nach g6, der andere von f6 nach d5. Der Vorteil wuchs Zug um Zug.
Als Weiß mit 24. Dc2 einen weiteren Fehler beging (24. Sc7 wäre unangenehmer gewesen), schlug Alexander zu: 24…De3+ 25. Tf2 (erzwungen) Sdxf4! Ein Bauer weg, Dame auf e3, Springer auf f4. Der weiße König hatte plötzlich Besuch.
Mit 30. Kh2? fiel dann der Vorhang: 30…Dxf2, und die Partie war entschieden.

Brett 6: Martin – ½ : ½
Martin spielte mit Weiß, sein Gegner wählte Damenindisch, Martin antwortete mit der Fianchetto-Variante. Die ersten Züge liefen solide, bis sich im 13. Zug die große Chance auftat. Nach 13. cxd5 exd5 14. exd5 Sxd5 wäre 15. Se5 ein fast entscheidender Zug gewesen. Martin sah die Pointe nicht und spielte stattdessen 13. e5. Damit war die Luft raus aus der Stellung.

Aufgeben wollte er aber nicht. Er opferte einen Bauern, um nach Damentausch mit dem Turm auf c7 einzudringen. Eine schöne Idee, nur sein Gegner verteidigte sauber. Im Endspiel stand Martin einen Bauern zurück, dank der ungleichfarbigen Läufer war die Stellung aber theoretisch remis. Selbst wenn Weiß später seinen Läufer für den schwarzen Freibauern opfern müsste, bliebe Schwarz mit schwarzfeldrigem Läufer und h-Bauer übrig, und h1 ist nun mal ein weißes Feld. Klassisches Remis durch den falschen Läufer.
Das hielt den Gegner jedoch nicht davon ab, noch ganze 24 Züge hin und her zu ziehen. Was er sich davon versprach, bleibt sein Geheimnis. Am Ende stand dann doch der halbe Punkt. Zufrieden ist Martin damit nicht, gegen einen 1512er hatte er sich mehr vorgenommen. Den Finger in die Wunde legt er selbst: Die Chance lag im 13. Zug.
Brett 7: Leopold – 1 : 0
Leopolds Partie war lange eine geduldige Angelegenheit. Beide Seiten manövrierten, die Stellung blieb ausgeglichen, nichts wollte sich entscheiden lassen. Zeit verging, und irgendwann wurde die Uhr des Gegners zum Mitspieler. Unter wachsendem Zeitdruck leistete sich dieser dann den entscheidenden Patzer und stand plötzlich einen ganzen Turm weniger auf dem Brett. Den Rest erledigte Leopold routiniert. Geduld zahlt sich aus.
Brett 8: Tobias – 0 : 1
Tobias hatte das Pech, auf Brett 8 gegen Marmstorfs eigentlich stärksten Spieler anzutreten (1979 DWZ). Davon ahnte er allerdings nichts, weil er etwas zu spät kam und sich die Gegnerliste nicht mehr in Ruhe anschauen konnte. Also zog er ahnungslos in eine Französische Abtauschvariante. Tobias rochierte kurz, sein Gegner antwortete mit langer Rochade und ging zum Angriff über. Nach einem Turmopfer für den schwarzfeldrigen Läufer standen die schwarzen Felder am weißen Königsflügel sperrangelweit offen. Nach 25 Zügen hatte Tobias dennoch klar auf Gewinn gestanden, sein Gegner war bereits fast zwei Stunden verbraucht und in ernster Zeitnot.
Dann kam das Unheil. Zuerst verteidigte Tobias ungenau und musste Material zurückgeben, um die Stellung zu halten. Dann versuchte er auf Zeit zu gewinnen, was bei Increment bekanntlich ein frommer Wunsch bleibt. Geduld und Lust waren irgendwann weg. Und die Erinnerung an Fischbek, als er vor einer Woche selbst mit einem Turmopfer ins Dauerschach gelaufen war, saß tief. Diesmal wollte er der Sache zuvorkommen. Also lief er prompt in eine andere Falle und verlor eine eigentlich klar remisliche Stellung.
Am Ergebnis gemessen ein bitterer Abend, an der Leistung gemessen aber nicht. Tobias stand gegen einen Spieler mit rund 500 DWZ mehr lange auf Gewinn und hatte die Sensation zum Greifen nah. Auch in den bisherigen Runden hat er jedes Mal alles gegeben, stark gespielt und gepunktet.
Endstand: 6 : 2
Mit nun satt 10 Mannschaftspunkten und weiterhin ungeschlagen grüßen wir von der Tabellenspitze. Diogenes 3 spielt am 24. April ihre sechste Runde und kann noch nachziehen. Es bleibt spannend. Am 8. Mai wartet ein Schicksalsspiel gegen die starke Mannschaft der Schachelschweine.

HSK 12 Bilderbogen:



